Barockgeige

  • Liebe Forist*innen!


    Gleich vorweg: ich will keinen Wert wissen - ich weiß, dass er nicht allzu hoch ist und ich mich somit traue, sie selber nir als Zweitgeige zu bespielen, bin aber an der Geschichte meiner Barockgeige interessiert.

    Mir gefallen die Diskussionen, die ich hier im Forum finde und vielleicht habt ihr ja Spaß daran, hier das eine oder andere Rätsel zu lösen!


    Ich hab die Geige vor gut 20 Jahren in einem Pfandhaus für wenig Geld erstanden. Den alten Koffer, der sie damals schützte, verwende ich immer noch, da die neuen Koffer zu niedrig sind für ihren prächtigen Bauch.

    Sie ist nicht rückgebaut aber barock ausgestattet, der Klang ist sehr zart und warm, fast süßlich.


    Dass es eine Meistergeige, vermutlich Mittenwald, ist, weiß ich und auch, dass das Alter erheblich ist.

    Aber könntet ihr den Zeitraum etwas eingrenzen?

    Auch interessiert mich der Prägestempel mit der Nummer 13 (eine Geige des Ensembles des Kirchenchors? Eine Leihgeige?) und die gravierte Signatur "Wolf" (?) an der Schnecke, womit anscheinend ein Besitzer mal Klarheit schaffen wollte...


    Ich freue mich über eure Meinungen,

    viel Vergnügen!

  • Und der Kasten:

    Ich hab mir vor Jahren selbst einen Überzug genäht um ihn nutzen zu können.

    Das sagt jetzt zwar mehr über mich aus als über die Geige, ist damit aber auch Teil der Geschichte ;)

    Das Alter des Kasten könnte so 80-100 Jahre sein, oder?

    Mich interessiert eher : in welchen Gegenden war ein solcher Kasten gebräuchlich?

    Und ich denke, dass der Kasten auch erzählt, dass die Geige dem damaligen Besitzer viel wert war, oder? Ich meine: sonst finde ich immer nur sehr einfache Modelle.....



    Was meint ihr?

  • Umriss, F-Löcher, die durchgehende Unterzarge und die Schnecke sehen für mich nach Mittenwald aus. Der Hals könnte durchgesetzt sein, d.h. der Halsfuß geht ins Innere durch und bildet auch den Oberklotz. Hat man alte Mittenwalder Geigen so gebaut? Ich dachte, sie hätten immer einen in den Oberklotz eingelassenen Halsfuß. Vielleicht weiß Chiocciola dazu mehr. Der Lack könnte nach Süddeutschland passen, aber die starke Wölbung deutet für mich eher in die Klingenthaler Richtung.

    Alter: vor oder um 1800.


    Die Decke unter dem rechten Stegfuß sieht eingedrückt aus. Hat sich das ein Geigenbauer mal angeschaut?

  • @ geigerlein

    Entschuldige, ich schaff das Zitieren auf dem Handy nicht...

    Ja, die Dellen sind tief und beim Anpassen des Steges eine Bremse.

    Ich war mit der Geige bei meiner Geigenbauerin um zu sehen ob man klanglich noch was rausholen könnte, drum hab ich alles vom Profi machen lassen.

    Sie hat auch am Boden eine Delle, anscheinend von der Schulter der Spieler. Neben dem Griffbrett ist das Holz vom Lagenspiel (Schweiß) sehr teocken. Das Instrument ist angeblich sehr interessant aber aufgrund dieser Dellen und nicht viel wert, was mir an und für sich gefällt, da ich Dinge mit Charakter und Geschichte mag.

    Der Klang ist auch sehr zart, das mögen Profis nicht so gerne, ich finde es für manche Stücke oder Stimmungen sehr schön.

  • Kasten: Der war in ganz Mitteleuropa so gebräulich…da sollte man nix reininterpretieren. Ausser -wie du schon sagst- dass das kein ganz billiger Kasten ist.


    Geige: Schwer von Fotos einzuschätzen. Der Hals spricht für „um 1800 oder älter“, die Wölbung eher für 1. Hälfte 19. Jahrhundert. Ich würde daher sagen, 1770-1850 ist alles möglich. Aber das ist mit grosser, seeeeehr grosser Vorsicht zu geniessen, von Fotos ist das in diesem Fall sehr schwer einzuschätzen.


    Mitrenwald….? Oder eine gute sächsische Kopie einer Mittenwald-Geige? Oder auch wo ganz anders her. Damals waren die Handwerksburschen auf der Walz, und wenn einer zum Beispiel in Mittenwald gelernt hat, in Sachsen auf der Walz war und am Ende als Geigenbauer in Hamburg, Wien, Prag, Königsberg gelebt hat….ganz so einfach ist es eben manchmal nicht mit der Herkunft und den Merkmalen. Die Geige hat Merkmale, die für Mittenwald typisch sind, aber auf mehr würde ich mich da nicht festlegen wollen.

  • ...

    Ja, die Dellen sind tief und beim Anpassen des Steges eine Bremse.

    ...

    Vielleicht wäre dann ein Brustfutter das Richtige. Vorher würde man die Wölbung der Decke korrigieren (s. Möckel). Das kannst Du ja selbst versuchen, wenn Du etwas mehr Erfahrung hast. Vielleicht würde dadurch die Geige auch kräftiger klingen, weil mehr Masse zum Schwingen da ist. Andererseits spricht auch nichts dagegen, die Geige so zu lassen, wenn der Bereich stabil ist und sie sich gut spielen lässt.

  • Danke für eure Antworten!

    geigerlein vorerst werde ich sie so belassen aber wenn mal was an der Decke zu richten ist, werde ich das Brustfutter andenken - vielleicht kann ich es bis dahin ja auch tatsächlich....!

    Und vielleicht besorge ich mir ein Endoskop, ich bin dann doch sehe neugierig und will das Innenleben sehen bevor ich sie irgendwann mal öffnen muss....


    Braaatsch

    Klingt plausibel was du schreibst und gefällt mir und ja, witzig, wie oft ich selbst immer wieder vergesse, dass doch einige Berufsgruppen sehr mobil waren!


    Habt ihr vielleicht öfter mal Geige gesehen, in die Namen oder Nummern graviert wurden?

    Eine Leihgeige in einem Orchester, könnte so etwas sein?


    Schönen Abend euch!

  • Manchmal sieht man das, und meistens sind das Besitzer-Kennzeichnungen oder Markierungen einer Musikschule o.ä. Oft sind das auch Modell-Kennzeichnungen, z.B. die berühmt-berüchtigten "Stainer"- oder "Hopf"-Brandzeichen unter dem Zäpfchen oder "Conservatory"- bzw. "Concert-Violin"-Markierungen auf der Wirbelkastenrückseite.

    Ich hab grad eine Geige auf dem Tisch, in deren Zarge jemand 1850 ganz groß eingeritzt hat. Frag mich nicht, warum ;-)

  • Solche Nummern finden sich immer mal wieder. Mit dem Bau haben sie selten was zutun. Manche Meister haben ihre Instrumente nummeriert, um Fälschungen vorzubeugen (…es konnte ja nicht zehnmal die „Nr. 21 von Meister Eder“ geben…), aber das wurde dann meist auf dem Zettel nrben des Meisters Namen getan (ohne Meisternamen hat die Nummer ja keinen Sinn!). Daher glaube ich hier nicht an eine „Werksnummerierung“.


    Und wann und wofür die Nummer in den letzten grob 200 Jahren hinzugefügt wurde, wird man nicht mehr herausfinden. Irgendein „Verzeichnis“ wird es wohl gewesen sein- Sammler, Orchester, Verleih, Musikschule, Hochschule, Bildungsanstalt für Höhere Töchter, Museum, Schlossinventar, Reparations/Raubkunstverzeichnis- da ist Alles, auch Abstruses, denkbar. Im Prinzip alles, was irgendwann irgendwo Gegenstände gezählt, inventarisiert oder zugeordnet hat, und da ist im „Behördenstaat“ des 20. oder dem „Beamtenwesen“ des 19. Jhd. wirklich Alles denkbar.