Eine neue Patientin - wirklich alt?

      Eine neue Patientin - wirklich alt?

      Hallo zusammen,

      ich würde gern Eure Meinung zu meiner neuesten Patientin hören. Sie ist aus sehr schönem Holz gebaut, wie ich finde. Aber vermutlich ist sie mal auf die Unterzarge gefallen und hat dabei einige RIsse davongetragen, der Hals hat sich gelöst, und die handgeschnitzten Wirbel hat jemand so brutal festgedreht, dass der Wirbelkasten 4 Risse davongetragen hat.
      Wegen des flachen Halswinkels und weil der Hals scheinbar nicht in den Oberklotz eingelassen ist, vermutete ich eine echte alte Geige. Als ich sie dann aber geöffent hatte, stellte ich erstaunt fest, dass sie gar keinen Oberklotz hat, sondern dass der Halsfuß weiter in den Korpus hineingeht und mit zwei Holzstreifen hinter der Zarge "verklemmt" wurde.
      Habt Ihr so eine Konstruktion schon mal gesehen? Könnte das die Arbeit eines Amateurs sein, oder haben auch Geigenbauer so Hälse eingebaut?

      Die Geige ist ansonsten nicht sehr fein ausgearbeitet (gerade die Decke), sie hat keine Eckklötze und der Bassbalken wurde aus der Decke herausgeschnitzt. Nach Festleimen des Halsklotzes am Zäpfchen hat sie einen fast normalen Halswinkel, und auch die Länge des Halses scheint modern. Vom Korpus aus gemessen ist er mit Schnecke fast 24 cm lang. Der Korpus hat 36 cm. Der Lack ist ein helles Lehmbraun.

      Es spricht eigentlich alles für eine Sächsin, oder? Wie alt könnte sie sein?

      Danke für Eure Meinungen,
      Geigerlein
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      Ach ja, das Griffbrett ist aus Fichte mit einer Hartholzschicht oben und an den Seiten. Leider ist diese zerbrochen. Meint Ihr, ich kann das kleben und wiederverwenden?

      Ansonsten hab ich erst mal die Deckenrisse geklebt und mit Pergament hinterlegt, mit der Ziehklinge die Decke nachgearbeitet und, wie schon erwähnt, den Hals wieder eingeleimt. An die Wirbelkastenrisse traue ich mich nicht wirklich ran, weil mir zum Ausbuchsen das Werkzeug fehlt. Vielleicht lasse ich das Geigenbauer Müller machen.

      Ich möchte die Geige später gern mit Darmsaiten als Barockgeige einrichten.
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      Das furnierte Griffbrett spricht eher für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. Es ist eine Sauarbeit, so etwas so halbrund zu furnieren. Die modernen Standards kamen so ab 1800 auf, da kann also auch eine Geige von 1805 schon einen längeren Bassbalken haben.

      Ich halte die Geige nicht für eine Laienarbeit, sondern für eine alte sächsisch-böhmische Geige. Ich würde sie auch als Barockgeige einrichten. Wenn man das Griffbrett gut klebt und hinterher abrichtet, kann man das schon noch mal verwenden.

      Wirbel: Das sieht mir nicht nach „Brutalo“-Rissen, sondern nach Trocknungsrissen bei langem Liegen in Temperaturschwankungen (...Dachboden) aus. Zwei Möglichkeiten: 1. Ausbuchsen, 2. Einbau von Feinstimmwirbeln (gibts auch mit Holzkopf). Letzteres ist gerade bei Darmsaiten ein Segen, aber für manche bei Barockinstrumenten ein Sakrileg.
      Ich würde die als Anschauungsobjekt, vor allem wegen der Halsbefestigung, behalten.

      Aber ansonsten würde ich da keine Arbeit reinstecken, da gibt es massenhaft schönere und bessere
      Geigen zum Restaurieren, die als Deko an der Wand hängen oder im Ofen landen.
      Aber das ist nur meine persönliche Meinung. Und wenn die dann wieder erklingt, ist es auch gut. :)
      Danke für Eure Antworten!

      Ich habe jetzt eine Weile nach einer alten Geige gesucht, die ich als Barockgeige spielen kann. Die meisten sind entweder verbastelt, haben keinen Originalhals mehr oder sind für mich unerschwinglich.
      Um Weihnachten herum habe ich angefangen, aus einzelnen Teilen, die mir mit der Zeit "zugeflogen" sind, eine Barockgeige zu bauen. Momentan bin ich dabei, die Klötze für die Zargen auszustechen oder vielmehr zu sägen und zu feilen. Decke, Boden und Hals sind schon fertig. Wenn es Euch interessiert, kann ich dazu einen Thread eröffnen. Aber ich komme nur langsam voran.

      Nun bin ich gespannt, wie im Vergleich dazu eine originale alte Geige klingen wird. Das alte Holz sollte schon einen Unterschied machen. Wegen der vielen Schäden hat sie nicht viel gekostet. Die Reparatur der Risse, auch an der Zarge, ging erstaunlich gut. Damit der Hals an Zäpfchen und Boden hält, hab ich einen kleinen Keil zwischen Boden und innerem Halsklotz eingeleimt, weil dazwischen ein Spalt war. Das Holz für das fehlende Stück am oberen Deckenriss will ich aus dem Bassbalken nehmen. Bei dem fällt es nicht auf, wenn ein Span fehlt ;)
      Würdet Ihr eigentlich auch den Bassbalken nacharbeiten, oder ihn so lassen, wie er ist? Welche Auswirkungen kann das auf den Klang haben? Beim Anklopfen der Decke ist jedenfalls ein Unterschied zu hören, nachdem die Wölbung jetzt halbwegs eben ist. Ich bilde mir ein, sie klingt jetzt lauter und klarer.

      Und ich finde es gut, dass die Geige eine moderne Mensur haben wird. Dann muss ich mich von meiner Übungsgeige nicht umgewöhnen. Mit dem langen Bassbalken und dem Halswinkel scheint sie aber schon auf Klang bzw. Lautstärke hin gebaut worden zu sein.

      Über die Wirbel wird letztendlich der Preis entscheiden. Ich würde gern mal Feinstimmwirbel ausprobieren. Mal sehn, was Herr Müller mir da anbieten kann. @abalon, vielen Dank übrigens für Deine Hinweise auf diesen Geigenbauer! Er hat mir schon einige Geigen repariert und gut eingerichtet.

      geigerlein wrote:

      Mit dem langen Bassbalken und dem Halswinkel scheint sie aber schon auf Klang bzw. Lautstärke hin gebaut worden zu sein.


      Die Geige ist auf „Masse“ gebaut und nicht auf Klang. Kein Geigenbauer, der auf Klang Wert legt, würde den
      Bassbalken „stehen lassen“. Bei einer guten Geige wird der Bassbalken auf Spannung eingeleimt.
      Die anderen Merkmale (keine Eckhölzer, grobe Ausarbeitung, simple Halsbefestigung) untermauern die möglichst
      schnelle einfache Fertigung.)
      Und altes Holz klingt nicht „alt“ oder mehr nach Barock.

      Aber mit einem kürzeren Griffbrett, evtl. aus hellem Holz, könntest du die Geige „barockisieren“ und mit Naturdarm-
      saiten wird sie auch entsprechend klingen.
      Die Ansicht, dass frei aufgeschachtelte Instrumente in jedem Fall „auf Masse gebaut“ wurden teile ich nicht. Es ist einfach eine andere Art zu bauen. Die wird zwar heute als „schlechter“ angesehen, muss es aber nicht prinzipiell sein. Es gibt gute Instrumente ohne Eckklötzen, und schlechte mit Eckklötzen. Leider stimmt bei vielen Instrumenten ohne Eckklötze die Qualität des Rests der Arbeit nicht, das ist dann problematischer als die Frage nach Eckklötzen.

      Bassbalken: Früher war es üblich, den Bassbalken stehenzulassen. Das hat nix mit „Geigenbauer, der was auf sich hält“ zutun. Das Einleimen unter Spannung ist die moderne Bauweise, das Stehenlassen „barock“. Natürlich ist es so, dass man stehengelassene Bassbalken auch bei späteren Instrumenten findet, und dann ist es ein Hinweis auf eine einfachere, nicht mehr zeitgemässe Bauart. Die starke Gegenspannung des Bassbalkens wurde eben auch erst nötig, um die moderne Saitenspannung auszugleichen. Insofern ist der ausgearbeitete Bassbalken für das Ziel, aus der Geige ein Barockinstrument zu machen, quasi „originaler“. Ich würde den daher nicht austauschen, aber auch nicht dran herumsäbeln.

      „Holzalter“ und Klang: Es gibt da sehr verschiedene Ansichten. Solange das Holz gut durchgetrocknet ist, kann man auch ein Spänchen einsetzen, was etwas jünger ist. Das ist auf jeden Fall besser, als Masse vom Bassbalken zu nehmen.

      Braaatsch wrote:

      Die Ansicht, dass frei aufgeschachtelte Instrumente in jedem Fall „auf Masse gebaut“ wurden teile ich nicht.


      Ich auch nicht. Das habe ich auch nicht geschrieben. Es ist nur eines von mehreren Merkmalen dieser Geige,
      die zusammengenommen auf eine Massenfertigung hinweisen. Ich finde, die „einfache Bearbeitung“ merkt man
      dort an vielen Stellen. Auch der Hals innen ist völlig unbearbeitet, „grobkantig“, mir fehlt einfach die Liebe zum Detail,
      die eine gute Geige ausmacht.
      Aber das muss ja nichts heißen.